Wenn eigentlich wichtige Dinge nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen, spricht man oft von einem blinden Fleck. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Bedeutung der sogenannten Blindleistung für die Stromversorgung. Wenn man von nutzbarer Energie spricht, ist meistens die sogenannte Wirkleistung gemeint. Kraftwerke müssen jedoch auch noch Blindleistung liefern. Mit ihr lassen sich zwar keine Elektrogeräte betreiben, sie ist aber wichtig, um die nötige Spannung in den Stromnetzen aufrecht zu
erhalten. Ohne Blindleistung also keine stabile Stromversorgung. Mit der Energiewende wird Blindleistung nun immer wichtiger und erneuerbare Energien können dabei helfen, genug davon bereitzustellen.

In den lokalen und regionalen Verteilnetzen wurde dies schon vor längerer Zeit erkannt. Etwa seit 2008 können Solar- und Windkraftanlagen Blindleistung über ihre Wechselrichter bereitstellen. Diese Geräte finden sich beispielsweise in jedem Wohnhaus, das eine Photovoltaik-Anlage hat. Sie wandeln den Gleichstrom einer PV-Anlage in Wechselstrom um und bringen ihn in Einklang mit den Anforderungen für die Einspeisung ins Stromnetz. Neu ist nun, dass Blindleistung auch für überregionale Transportleitungen immer wichtiger wird.

Durch den Atom- und Kohleausstieg gehen in den nächsten beiden Jahrzehnten zahlreiche fossile Kraftwerke außer Betrieb. Die Betreiber des Übertragungsnetzes halten es deshalb schon bis 2030 für nötig, große Mengen Blindleistung durch andere technische Lösungen zur Verfügung zu stellen. Das haben sie kürzlich in ihrem neuesten Netzentwicklungsplan ermittelt. Im Projekt C/sells wird daran gearbeitet, mit Blindleistung aus den Verteilnetzen auch die Spannung im Übertragungsnetz zu unterstützen.

In Kassel und Umgebung wird beispielsweise untersucht, wie Solar- und Windenergieanlagen künftig noch mehr Blindleistung als bisher bereitstellen können. Notwendig sind etwa neue Kommunikationstechnik und die Möglichkeit, dass Verteilnetzbetreiber die Wechselrichter der Solar- und Windparks aus der Ferne ansteuern können. Außerdem wird bei C/sells daran gearbeitet, künftige Zustände des Netzes mit einigen Stunden Vorlauf vorhersagen zu können, um entsprechend auf Veränderungen der Spannung reagieren zu können.

Der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW untersucht im Rahmen des C/sells-Teilprojektes „Organisation intelligenter Energienetze“ mit über 25 Partnern unter anderem, wie Verteilnetz- und Übertragungsnetzbetreiber enger zusammenarbeiten können. Dafür wird beispielsweise simuliert, wie sich der Bedarf an Blindleistung in Zukunft in verschiedenen Netzen entwickeln wird.

Weitere Infos:
Mitteilung von TransnetBW zum Netzentwicklungsplan 2019
Themenseite der Deutschen Energie-Agentur zu Blindleistung
Infos des Herstellers SMA zur Bedeutung von Wechselrichtern für das Stromnetz