Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wird Flexibilität im Strommarkt immer wichtiger. In Stuttgart haben mehrere Partner ein System konzipiert, mit dem Netzbetreiber und andere Unternehmen Flexibilitäten in Echtzeit finden und nutzen können. Maßgeblich mitentwickelt wurde die Lösung vom Flughafen Stuttgart. Der Airport ist mit rund 50 Millionen Kilowattstunden pro Jahr selbst ein großer Stromverbraucher und betreibt damit beispielsweise die Klimaanlage der Terminals oder die Elektrobusse, die die Passagiere zu den Fliegern transportieren. Gleichzeitig verfügt der Flughafen über mehrere Anlagen zur Stromerzeugung. Neben Photovoltaik-Modulen sind das auch regelbare Einheiten wie Netzersatzanlagen und ein effizientes Blockheiz-Kraftwerk. Mit dem flexiblen Einsatz all dieser Anlagen hat der Flughafen Stuttgart in den vergangenen Jahren bereits viel Erfahrung aufgebaut.

Als erstes Unternehmen vermarktete der Airport Flexibilitäten in einem Pilotprojekt zum Lastmanagement in Baden-Württemberg. „Wir haben zunächst Daten aller unserer wesentlichen Anlagen auf Flexibilität geprüft und schließlich die Netzersatzanlagen ausgewählt“, berichtet Projektmanager Elias Siehler. In weiteren Schritten könnten der Analyse zufolge auch das Blockheiz-Kraftwerk (BHKW) und die Ladestationen für die Elektrobusse genutzt werden. Das BHKW etwa lässt sich flexibel verwenden, weil es neben Strom auch Wärme und Kälte erzeugt. Die Stromerzeugung kann beispielsweise kurz unterbrochen werden, wenn es für den Stromnetzbetreiber oder andere Nachfrager von Flexibilität hilfreich ist. Wärme und Kälte liefert die Anlage in dieser Zeit trotzdem, indem sie auf Wärme- und Kältespeicher zurückgreift.

Dank des Kältespeichers kann der Stromverbrauch zur Kälteerzeugung aber auch kurz unterbrochen werden, wenn viele andere Stromverbraucher laufen. Auf diese Weise wird die Last reduziert, die der Flughafen zu Spitzenzeiten aus dem Stromnetz bezieht. „Die Spitzenlastkappung ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, weil die Netzentgelte gestiegen sind. Diese Art des Energiemanagements entlastet also nicht nur das Stromnetz, sondern ist auch für uns als Flughafen wirtschaftlich sehr attraktiv“, erklärt Siehler.

Künftig könnte der Handel mit Flexibilitäten deutlich vereinfacht und beschleunigt werden. Dafür haben der Flughafen Stuttgart und mehrere Partner in einem Demonstrationsprojekt die „DSM-Plattform Baden-Württemberg“ entwickelt, wobei DSM für den englischen Begriff für Lastmanagement – Demand Side Management – steht.

Mit der Plattform können auch kleine Unternehmen auf einfache Weise flexibel betreibbare Anlagen identifizieren. Die genauen Werte, wann wie viel Last regelbar zur Verfügung steht, können die Unternehmen entweder selbst in ein Web-Portal eintragen oder mit Hilfe einer Software in Echtzeit ins Web übertragen lassen. Auf der anderen Seite können Unternehmen, die regelbare Lasten benötigen, passende Anlagen über die Plattform wie auf einem Marktplatz leicht finden.

„Mit der DSM-Plattform haben wir eindrucksvoll demonstriert, wie einfach Flexibilität vermarktet werden kann“, berichtet Siehler. Damit sich die Plattform durchsetzt, müssten aber beispielsweise noch technische Standards entwickelt werden, die mit einer Vielzahl bestehender Anlagen kompatibel sind. Außerdem dürften die Preise für Flexibilität nicht länger in Umlagen auf die Strompreise versteckt werden, sondern müssten sich auf Flexmärkten frei bilden können.

Die Entwicklungsarbeit des Flughafens Stuttgart geht derweil weiter. „Wir sind mit vielen anderen Flughäfen und Industrieunternehmen im Austausch zu unseren Forschungsaktivitäten. So können andere von unseren Erfahrungen profitieren und wir uns selbst auch weiterentwickeln“, sagt Siehler. Vielversprechende Möglichkeiten für die Zukunft sieht der Energieexperte in der stark wachsenden Elektromobilität: „Wenn wir immer mehr Stellplätze für Fluggäste mit Lademöglichkeiten für E-Autos ausstatten, ergeben sich große Potenziale für die Flexibilisierung des Energiesystems.“

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Energieprojekte des Flughafens Stuttgart