Flexmärkte brauchen aktive Bürger

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Flexmärkte brauchen aktive Bürger

Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE e. V.) mit Sitz in München spielt eine wesentliche Rolle im Rahmen von C/sells. Was sie in Altdorf vorhaben, erläutern die Projektkoordinatoren Simon Köppl, Andreas Zeiselmair und Thomas Estermann im folgenden Interview.

Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE e. V.) ist ein gemeinnütziges Forschungsinstitut mit vielfältiger Expertise im Bereich Stromnetze, Sektorkopplung und Digitalisierung. Was sind Ihre Aufgaben im Projekt C/sells?
Simon Köppl: Bei uns arbeiten Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachbereichen und beschäftigen sich mit energiewirtschaftlicher Forschung. In Altdorf arbeitet die FfE e.V. gemeinsam mit Bayernwerk im Rahmen eines Feldversuchs an der Konzeption und Umsetzung einer Flexibilitätsplattform.

Worum geht es bei dem Feldversuch?
Thomas Estermann: Wir sehen uns an, welche Möglichkeiten die Einwohner von Altdorf haben, selbst Strom zu erzeugen bzw. ihre Stromerzeugung und ihren Strombedarf anzupassen. Beispielsweise kann es vorkommen, dass die Erzeugung die Kapazität des Stromnetzes übersteigt. In diesem Fall kann kein weiterer Strom aus Photovoltaikanlagen ins Netz eingespeist werden. Dann könnte man eventuell die Batterie eines Elektrofahrzeugs aufladen oder seine Wärmepumpe einschalten, damit der Strom nicht ungenutzt bleibt. Mit solchen „Flexibilitäten“ kann künftig auf dem Altdorfer Flexibilitätsmarkt (ALF) gehandelt werden. Haushaltsgeräte wie Wasch- und Spülmaschinen nehmen wir übrigens ganz gezielt nicht auf. Denn erstens wäre die Entlastung für das Stromnetz vergleichsweise gering. Und zweitens will sich natürlich niemand vorschreiben lassen, wann seine Spül- oder Waschmaschine läuft.

Wie viele Interessenten gibt es derzeit?
Thomas Estermann: Wir haben das Projekt bereits bei Bürgermeister Helmut Maier und beim Energie- und Umweltausschuss des Gemeinderates vorgestellt. Da war die Resonanz sehr gut. Aufgrund von Vorgängerprojekten sind sehr viele Einwohner von Altdorf an der intelligenten Energieversorgung grundsätzlich interessiert. Wichtig ist: Die Teilnahme am Flexibilitätsmarkt ist natürlich freiwillig. Niemand wird zu etwas verpflichtet.

Was sind die Voraussetzungen für die Teilnahme am Flexibilitätsmarkt?
Thomas Estermann: Erstens braucht man ein intelligentes Messystem. Dieses ist, vereinfacht gesagt, ein digitaler Stromzähler mit einer sicheren Kommunikationsinfrastruktur, der die herkömmlichen analogen Stromzähler nach und nach ablösen soll. Zweitens müssen die Photovoltaikanlagen und sonstigen Flexibilitäten fernsteuerbar sein. Das überprüfen wir, wenn jemand am Flexibilitätsmarkt interessiert ist.

Welche Vorteile hat es für einen Stromkunden, sich am Flexibilitätsmarkt zu beteiligen?
Thomas Estermann: Er kann bei der Energiewende aktiv mitmachen und dazu beitragen, dass die Stromversorgung in der Region „sauberer“ wird. Außerdem sind finanzielle Anreize geplant. Bezüglich der Details laufen die Überlegungen aber noch.

Kann man nur mit einer Photovoltaikanlage am Flexibilitätsmarkt teilnehmen?
Simon Köppl: Nein. Grundsätzlich ist jede Erzeugungstechnologie willkommen, beispielsweise ein kleines Blockheizkraftwerk in einem Mehrfamilienwohnaus oder auch eine Biogasanlage. Auf der Verbrauchsseite denken wir an Elektrofahrzeuge, aber auch an elektrische Wärmeerzeugung, zum Beispiel an Wärmepumpen oder Nachtspeicherheizungen.

Können nur Haushalte teilnehmen?
Andreas Zeiselmair: Auch Klein- und Mittelbetriebe sind willkommen. Bäckereien zum Beispiel haben oft schon ein Energiemanagementsystem und eine gewisse Kenntnis ihres Stromverbrauchs. In Gewerbebetrieben lassen sich die Flexibilitäten häufig auch recht einfach erschließen. Und das sind dann Größenordnungen, mit denen man ein lokales Stromnetz wirksam entlasten kann.

Müssen die Teilnehmer einen Vertrag mit einer bestimmten Laufzeit abschließen?
Andreas Zeiselmair: Der Flexibilitätsmarkt ist ein Pilotversuch im Rahmen von C/sells. Allein aus Datenschutzgründen muss es eine Art Vertrag geben. Aber wenn jemand nicht mehr teilnehmen möchte, können und wollen wir das nicht verhindern. Nachteile entstehen deshalb jedenfalls niemandem.

Wie merkt man, dass man am Flexibilitätsmarkt teilnimmt?
Andreas Zeiselmair: Die Teilnehmer erhalten ein Visualisierungstool, über das sie Informationen bekommen. Beispielsweise wird auf dem Bildschirm angezeigt: Heute ist wieder Flexibilitätsauktion, Deine Flexibilität wird auch angeboten. Ferner wird der Teilnehmer informiert, ob seine Flexibilität tatsächlich abgerufen wird oder nicht. Wichtig ist: Es kommt auf keinen Fall zu einem Komfortverlust. Wenn jemand seine Wärmepumpe für den Flexibilitätsmarkt zur Verfügung stellt, muss er natürlich deswegen nicht kalt duschen.

Aber es ist nicht so wie bei einer Auktion, dass der Eine seinen Strom anbietet, und der Andere zuschlägt?
Simon Köppl: Das Bild passt eigentlich gut: Viele „Prosumer“ bieten ihre Flexibilität zu unterschiedlichen Preisen an. Sobald der Netzbetreiber eine Überlastung seiner Netze feststellt, meldet er seinen Bedarf an den Altdorfer Flexmarkt. Ein intelligenter Algorithmus ermittelt dann, welche Angebote den Bedarf am besten bedienen können. Mit dieser Information kann anschließend das eigentliche Handelsgeschäft stattfinden!

Was waren die bisherigen Projekthighlights?
Simon Köppl: Wir haben in Altdorf einen ersten Feldversuch ausgewertet und damit nachgewiesen, dass die Infrastruktur, die der Smart Meter Rollout uns bietet, zum Steuern der Flexibilitäten funktioniert. Außerdem waren wir im Januar beim bayerischen Wirtschaftsministerium eingeladen und haben dort bei unserer Partnerversammlung unser Projekt mit der Landespolitik diskutiert, was uns zeigt, dass die bayerische Politik hinter C/sells steht. An der Stelle möchte alle Interessenten auf eine unserer nächsten Veranstaltungen hinweisen: Am 1. April 2019 findet in der Residenz in München ein C/sells-Ministerdialog statt. Der bayerische und der baden-württembergische Wirtschaftsminister haben ihre Teilnahme schon zugesagt. Das wird eine Veranstaltung, zu der auch Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen sind. Wir freuen uns immer über rege Teilnahme, denn so können wir Erfahrungen auf allen Ebenen austauschen, das hilft uns bei der Weiterentwicklung.

Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft im Überblick:
Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE e. V.) ist eine gemeinnützige Einrichtung und beschäftigt sich seit ihrer Gründung 1952 mit dem Thema Energie, seit 1956 auch mit der Nutzung erneuerbarer Energien. Ziel der Organisation ist es, eine energieträgerneutrale „praktische Energiekunde“ durch Forschung, Lehre und öffentliche Information zu fördern. In ihrer langjährigen Geschichte hat die FfE e. V. mittlerweile ca. 250 wissenschaftliche Mitarbeiter nachuniversitär ausgebildet. Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse der FfE e. V. werden regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um zu mehr Transparenz und Klarheit in der energiewirtschaftlichen Diskussion beizutragen.

Mehr Infos finden Sie hier

Das Interview führte das Team von ich-bin-zukunft.de im August 2018

2018-09-17T14:39:38+00:00

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