So wichtig wie die Energiewende für den Klimaschutz ist, so anspruchsvoll können manchmal die Konzepte dahinter sein. Ein Projekt im badenwürttembergischen Ort Murg macht die Energiewende sichtbar, erlebbar und – vielleicht am wichtigsten – für jede und jeden gestaltbar.

Erlebbar macht die Energiewende im eigenen Ort eine Energie-Community. Durch digitale Technik sollen die Teilnehmer jederzeit verfolgen können, wie viel Strom die Gemeinschaft produziert und wieder konsumiert. „Die Energie, die in Murg erzeugt wird, kann zu großen Teilen auch in Murg verbraucht werden. Gerne begleiten wir die Gemeinde auf ihrem Weg in Richtung Energieautonomie“, sagt Oliver Maicher von EnergieDienst. Das Unternehmen beteiligt sich mit dem Projekt ganz im Süden der Republik am Forschungsvorhaben C/sells. Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft erkunden dabei, welches Potenzial regionale Energiegemeinschaften für den Umbau des Energiesystems haben.

In Murg werden sich 15 Haushalte an der Energie-Community beteiligen. Ein Teil von ihnen verfügt über eigene Photovoltaik-Anlagen und kann einen Teil des gewonnenen Stroms für die Deckung des eigenen Verbrauchs verwenden und einen anderen Teil in das örtliche Verteilnetz einspeisen und ihn so der Gemeinde zur Verfügung stellen. Jederzeit sichtbar macht Erzeugung und Verbrauch das Visualisierungstool energybase.dashboard des Projektpartners energybase.

Mit dem Web-basierten Tool werden die Teilnehmer der Community zum Beispiel sehen können, wenn gerade viel Solarstrom im Netz ist. In diesen Zeiten können sie auf Wunsch bestimmte Haushaltsgeräte wie den Geschirrspüler oder die Waschmaschine betreiben. So wird ein größerer Teil des selbst erzeugten Stroms vor Ort verbraucht, die Community wird ein Stück weit autonomer. Zu bestimmten Zeiten kann dieses Verhalten zudem das Stromnetz entlasten. Erneuerbare Energien werden besser ins Netz eingebunden. „Die Visualisierung macht Energieflüsse und gleichzeitig den Einfluss unseres eigenen Verhaltens bewusst“, erklärt Oliver Maicher.

Durch Gespräche aus dem ersten Bürgerdialog rechnet der Energieexperte damit, dass die Teilnehmer die neu gewonnenen Informationen über Erzeugung und Verbrauch durchaus sportlich nehmen werden: „Die Bürger möchten sich vergleichen können.“ Wessen Solaranlage erzeugt also mehr Strom? Und wer hat durch seine Verhaltensänderung am Ende eines Monats einen höheren Autonomiegrad für seine Selbstversorgung erreicht? Möglich macht diesen spielerischen Zugang zur Energiewende digitale Technik. Einen Überblick über die gemeinschaftlichen Strombilanzen, Prognosen und Verbrauchstipps gibt es im weiterentwickelten Community-Portal. Das eigens entwickelte intelligente Energiemanagement-System ermittelt auf Basis eines selbstlernenden Algorithmus, ob der selbsterzeugte Strom verbraucht, gespeichert oder ins Stromnetz eingespeist werden sollte.

Für einige Haushalte wird die Datenanbindung über die neuartige Übertragungstechnologie LoRaWAN erfolgen. Diese Alternative zum Handynetz ist kostengünstig und energiesparend.

Bis Ende 2020 sammeln die Teilnehmer Erfahrung mit den neuen Möglichkeiten der Visualisierung. Anschließend soll die Energie-Community Schritt für Schritt ausgebaut werden. Neben den Haushalten sollen auch zahlreiche Gebäude der Gemeinde eingebunden werden. Murg verfügt bereits über eine Bürgersolaranlage und plant weitere Photovoltaik-Anlagen auf kommunalen Dächern.

Weitere Infos
EnergieDienst über das Projekt in Murg
Visualisierungs-Plattform für Energieflüsse von energybase