Eine vorbildliche Energie-Wohnsiedlung entsteht derzeit in Mannheim. Im Quartier Franklin, einem ehemaligen Kasernengelände, werden Wohnungen für 9.000 Menschen gebaut. In den Kellern vieler Häuser werden bald neue digitale Stromzähler hängen. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen den sogenannten modernen Messeinrichtungen, die weder Daten versenden noch empfangen können, sowie den intelligenten Messsystemen, die auch als Smart Meter bezeichnet werden.

Den Bewohnern eröffnen die Smart Meter theoretisch völlig neue Möglichkeiten: Strom aus eigenen Photovoltaik-Anlagen können sie an ihre Nachbarn verkaufen. Wärmepumpen zum Heizen und Elektroautos können genau dann betrieben oder geladen werden, wenn im Netz gerade reichlich Strom verfügbar ist – und das ist immer häufiger dann der Fall, wenn viel klimafreundlicher Wind- und Solarstrom in die Netze fließt. Nutzen die Verbraucher Elektrizität gezielt dann, wenn viel Ökostrom vorhanden ist, – zum Beispiel für das Aufladen der Elektroautos – helfen sie dabei, das Energiesystem fit für eine nachhaltige Energiezukunft zu machen. Die Smart Meter werden so zu Mitmachboxen der Energiewende und lösen die analogen, mechanischen Stromzähler ab, die bislang in den meisten Kellern hängen.

Smart Meter verfügen über eine Reihe von relevanten Vorteilen. Herzstück des Smart Meters ist eine Kommunikationseinheit für die Datenübertragung über das Internet, das sogenannte Smart Meter Gateway. Smart Meter Gateways müssen vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert sein, bevor sie in den Zählerschränken verbaut werden. In jahrelanger Arbeit haben die Spezialisten des BSI hohe technische Standards für Datensicherheit und Datenschutz entwickelt.

Ende 2018 erhielt die Power Plus Communications AG (PPC) als erster Hersteller die Zertifizierung des BSI. „Mit dem Erhalt der Zertifizierung ist die Digitalisierung der Energiewende nun endlich gestartet. Schon bald werden Smart Meter Gateways die hochsichere Drehscheibe für Datenströme in den deutschen Gebäuden sein“, sagt Ingo Schönberg, Vorstandsvorsitzender von PPC.

Die intelligenten Messsysteme haben gerade in einem Energiesystem mit hohen Anteilen erneuerbarer Energien nützliche Funktionen. „Wenn ein Smart Meter den Stromverbrauch künftig alle 15 Minuten misst, kann ein Stromlieferant in jeder Viertelstunde den Strompreis anpassen“, sagt Oliver Pfeifer, Manager für Grundsatzfragen bei der Netze BW GmbH.

Gewusst?: An der Börse ändern sich die Strompreise stündlich oder sogar alle 15 Minuten. Perspektivisch bieten Energieversorger einen Tarif an, der stündlich variiert. Die Kunden sehen über das Internet oder über eine App den aktuellen Strompreis und können sich überlegen, ihr Elektroauto dann zu laden, wenn es gerade günstig ist. Das funktioniert allerdings nur in Verbindung mit einem intelligenten Messsystem. Wer nur über eine moderne Messeinrichtung verfügt oder gar einen mechanischen,
sogenannten Ferrariszähler im Keller hat, kann von diesem Vorteil nicht profitieren.

Mittelfristig wird es zudem möglich sein, Elektrogeräte über Smart Meter automatisch zu steuern. Besonders geeignet sind dafür Wärmepumpen und Elektroautos wie im Mannheimer Franklin Quartier. Wird beispielsweise ein Elektroauto gezielt dann geladen, wenn gerade viel Wind weht, entlastet es das Stromnetz. Das Franklin Quartier ist deshalb ein Bestandteil des Forschungsprojektes C/sells, in dem viele Partner das Energiesystem der Zukunft entwickeln. Langfristig sollen durch C/sells regionale Marktplätze aufgebaut werden, auf denen Stromverbraucher über ihre Smart Meter Flexibilitäten für das Energiesystem anbieten können. Das bedeutet: Wer ein bisschen flexibel ist und das eigene Elektroauto dann lädt, wenn Stromüberschüsse im Stromnetz vorhanden sind, wird dafür auch belohnt.

Für Kunden haben Smart Meter aber noch eine Reihe weiterer Vorteile. Intelligente Messsysteme können nicht nur Strom abrechnen, sondern auch Gas oder Fernwärme. „Bisher gibt es für jede Sparte noch getrennte Mess-Infrastruktur. Wenn alles über einen Kommunikationskanal läuft, können Mieter bei der Nebenkostenabrechnung sparen“, erklärt Schönberg.

Besitzer von Photovoltaik-Anlagen können mit Smart Metern außerdem ihren Eigenverbrauch optimieren. Elektrische Geräte oder ein Elektroauto können dann zugeschaltet werden, wenn die hauseigene Solaranlage viel Strom liefert. Durch den höheren Eigenverbrauch spart sich der Besitzer den Bezug von Strom seines Lieferanten. „Künftig wird sich die Eigenverbrauchsoptimierung immer weiter verbreiten, je mehr Kunden eine Photovoltaik-Anlage und vielleicht auch noch einen Batteriespeicher haben“, ist Pfeifer überzeugt.

Durch die besonders sichere Kommunikationsverbindung öffnen Smart Meter außerdem die Welt zu einer ganzen Reihe von Dienstleistungen, die über den Energiesektor hinausgehen. Verbraucher können beispielsweise ihre Türen und Rolladen über den Smart Meter steuern oder erkennen, ob in der Wohnung älterer Verwandter jemand gestürzt ist und sich nicht mehr bewegen kann. Pilottests dazu laufen bereits bei Netze BW in Kooperation mit einer großen karitativen Hilfsorganisation in Deutschland.

Weitere Infos
Interview mit Marilen Ronczka, Leiterin Innovationsmanagement Power Plus Communications AG
– Youtube-Video zu Smart Metern
Informationen der Bundesnetzagentur zu Smart Metern
Informationen von Netze BW
Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)
– Infoseite des Bundeswirtschaftsministeriums: Die Digitalisierung der Energiewende