Auf vielen Dächern privater Wohnhäuser lässt sich mit einer Photovoltaik-Anlage erneuerbarer Strom erzeugen. Doch erst 3,2 Prozent aller geeigneten Dachflächen in Deutschland sind nach Angaben der Agentur für Erneuerbare Energien bisher mit einer Solaranlage ausgestattet. In Karlsruhe will die InitiativeFaktor 2 die installierte Leistung aus PV-Anlagen verdoppeln. Wie sie an diesem Ziel arbeitet, erklärt Mitgründer Rainer Romer.

Herr Romer, wie kam es dazu, dass Sie sich in Ihrer Stadt für den Klimaschutz engagieren?

Im September 2018 haben wir hier in Karlsruhe eine lokale Gruppe „Fossil Free Karlsruhe“ von Fossil Free Deutschland gegründet. Deren Mutterorganisation 350.org setzt sich weltweit für die Energiewende ein und fordert die Nutzung von 100 Prozent erneuerbaren Energieformen. In Karlsruhe haben wir eine Ölraffinerie und mehrere Kohlekraftwerke – weiter nördlich in Mannheim sogar das größte Steinkohlekraftwerk Deutschlands. Wir stellen uns die Frage, was wir vor Ort tun müssen, um unser Leben frei von fossilen Brennstoffen zu gestalten. Anfang des Jahres waren wir dann schon zehn bis 15 Aktive aus Karlsruhe und Umgebung.

Wie sind Sie dann auf die Idee für die Solar-Initiative „Faktor 2“ gekommen?

Im Januar haben wir ein Strategiemeeting gemacht und etwa ein Dutzend Ideen gesammelt. Wir sind für die Organisation von Demonstrationen zu klein, und wir hatten kein Interesse an radikaleren Überlegungen – zum Beispiel die Durchfahrt von Kohlezügen zu stoppen. Unsere Marschrichtung war: Lasst uns etwas Konstruktives und ganz Konkretes tun. Etwas, was allen Bürgerinnen und Bürgern in Karlsruhe ebenso plausibel wie auch motivierend vermittelt werden kann, damit sie daraufhin selbst aktiv werden können. Etwas, was vor allem die Management-Ebene der Stadt, also Politik und Verwaltung, ebenso aufgreifen und in ihr eigenes Handeln integrieren kann. Unsere Recherche hat ergeben: In der Stadt gibt es ein Potenzial von 53.000 Dächern, aber kaum mehr als 2.000 Solaranlagen, und da wollen wir ran! Ich selbst habe schon eine Photovoltaik- und eine Solarthermieanlage auf meiner Doppelhaushälfte. Ich weiß, dass sich das rechnet und dass es ökologisch sinnvoll ist. Wir sind auf die Idee gekommen, daraus einen Wettstreit für die ganze Stadt zu machen – eine Challenge, wie man das heute so nennt. So kamen wir auf die den Gedanken von „Faktor 2“: Wie lange braucht die Stadt, um die installierte Solarleistung auf ihren Dachflächen zu verdoppeln?

Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Vorteile von Solarenergie?

Wir haben ausgerechnet, dass wir in unserer Stadt allein durch Solarenergie etwa doppelt so viel Strom erzeugen können wie alle Bürgerinnen und Bürger zu Hause verbrauchen. In einem Jahr benötigen die Karlsruher Haushalte etwa 350 Millionen Kilowattstunden, mit Photovoltaik könnten wir aber bis zu 700 Millionen produzieren. Da bleibt noch Ökostrom für Straßenbahnen und Ladestationen für Elektroautos übrig! Die Stadt muss allerdings dafür sorgen, dass E-Autos hauptsächlich tagsüber geladen werden und nicht nachts. Aus meiner Sicht ist das überhaupt kein Problem, weil Autos ja tagsüber ohnehin die meiste Zeit parken. Hinzu kommt: Wenn wir Solarstrom dort erzeugen, wo er verbraucht wird, haben wir wenig Verluste durch die Übertragung in Stromleitungen.

Es ist also sinnvoll, Solaranlagen mit Batterien zu kombinieren?

Klar, bei unseren Gesprächen bewerben wir immer beides. Wir möchten gerne, dass in der Stadt das Lebensgefühl entsteht, dass Solaranlagen auf dem eigenen Dach und ebenso Batterien heutzutage einfach dazugehören. Ich spreche auch oft mit meinem Nachbarn über Solarenergie. Seine Kinder gehen alle auf die Demos von Fridays for Future und er nutzt auf seinem Dach schon Solarthermie für Warmwasser. Platz hätte er aber auch noch für Photovoltaik-Module.

Wie kann man herausfinden, ob das eigene Dach für Solarenergie geeignet ist?

Viele Städte und Landkreise haben inzwischen ein Solarkataster erstellt, mit dem man das ganz schnell
feststellen kann. Auf unserer Website verlinken wir zum Solarkataster der Karlsruher Energie- und Klimaagentur, dort kann jeder Bürger sein Dach auf einem Stadtplan finden und über einen Rechtsklick mit der Maustaste schon sehen, ob sich das eigene Dach für Photovoltaik eignet. Außerdem haben wir noch Links zu Förderprogrammen und Verzeichnissen mit passenden Handwerkern auf unserer Seite faktor2.solar.

Ist Ihre Idee schon auf andere Städte übergesprungen?

Solarinitiativen gibt es natürlich in einigen Orten und wir sind schon in Gesprächen mit Münster, Stuttgart, Hamburg und Zürich. Eine Besonderheit bei uns ist ja der Challenge-Gedanke und dafür würden wir sehr gerne ein Städteduell zum Beispiel mit Stuttgart organisieren. Nach dem Motto: Wer schafft mit den
Solaranlagen in seiner Stadt den „Faktor 2“ schneller? Der Wettstreit zwischen Badenern und Schwaben ist
ja legendär! Nochmal einen riesigen Motivationsschub gäbe es, wenn sich die beiden Fußball-Clubs KSC und VfB mit Werbeaktionen beteiligen würden. Für die Solarenergie wollen wir hoch hinaus.

Mehr Infos:
Faktor 2
Fossil Free Karlsruhe
Fossil Free Deutschland
– SolarServer: Ertragsrechner für Photovoltaik-Anlagen
– DGS: Ertragsrechner für Photovoltaik-Anlagen
– Verbraucherzentrale NRW: Batteriespeicher für PV-Anlagen
Potenzialatlas der Agentur für Erneuerbare Energien