Seit den Protesten von Fridays for Future haben rund 40 Städte und Gemeinden in Deutschland den Klimanotstand ausgerufen. Als erste Kommune ging diesen symbolischen Schritt am 2. Mai 2019 Konstanz am Bodensee. Hans-Joachim Horn ist Energieberater und arbeitet für die Energieagentur Kreis Konstanz. Gefördert aus öffentlichen Mitteln berät sie Privatpersonen, Unternehmen und Kommunen zu Energiesparmöglichkeiten, effizienter Energienutzung und erneuerbaren Energien. Im Interview erklärt Hans-Joachim Horn, welche Auswirkungen der Klimanotstand in einer Stadt hat.

Herr Horn, wie kam es dazu, dass Konstanz den Klimanotstand ausgerufen hat?
Konstanz ist bereits 1992 dem Klima-Bündnis beigetreten und hat sich dabei mit einem Gemeinderatsbeschluss verpflichtet, die CO2-Emissionen alle fünf Jahre um zehn Prozent, bezogen auf den Stand von 1990, zu reduzieren. 2012 gab es mit dem Beitritt zur 2000-Watt-Gesellschaft ergänzend einen Beschluss des Gemeinderats, die jährlichen Treibhausgasemissionen bis 2050 auf eine Tonne CO2 pro Bürger zu senken. Durch Fridays for Future hat das Thema Klimaschutz aber noch mal eine ganz andere Aufmerksamkeit bekommen. Die Jugendlichen waren in Konstanz sehr aktiv und haben eine Kampagne gestartet, die für einen sehr starken Zulauf gesorgt hat. Damit haben sie den Gemeinderat letztlich dazu gebracht, zur Sicherung ihrer Zukunft den Klimanotstand zu beschließen.

Welche anderen Gruppen in der Stadt haben sich noch beteiligt?
Es gibt zum Beispiel noch die Parents for Future, die Jugendlichen haben also auch ihre Eltern motiviert, für besseren Klimaschutz zu kämpfen. Dann gibt es Naturschutzgruppen wie den BUND und NABU, und wir haben in der Region die sehr erfolgreiche Initiative eines Konstanzers, Karl-Ulrich Schaible, der stark durch das Atomunglück 1986 in Tschernobyl mobilisiert wurde. Er hat zum 25. Jahrestag von Tschernobyl die Reihe „Energievisionen“ ins Leben gerufen und organisiert seitdem jährlich rund 25 Veranstaltungen im Bereich Energie und Klima – von Filmvorführungen bis zu Diskussionsabenden mit unterschiedlichsten Akteuren. Im Gemeinderat hat die Freie Grüne Liste jahrelang für eine Pflicht zum Bau von Solaranlagen auf Gebäuden gekämpft, die inzwischen für Neubauten beschlossen wurde.

Was hat Fridays for Future für Konstanz gefordert?
Die Schüler und Studierenden wollten zunächst erreichen, dass der Gemeinderat den Klimanotstand ausruft, damit er die Klimakrise als solche benennt und sofort Handlungsinitiativen auf allen Ebenen gegen diese akute Bedrohung ergreift. Im Klimaschutz soll es insgesamt stärker vorangehen als bisher, weil es um die Zukunft unserer Welt geht. Wir sind in der Vierländerregion vielleicht stärker sensibilisiert, weil wir die Alpen vor den Augen haben. Wenn die Gletscher abschmelzen oder sich die Niederschläge ändern, merken wir das ganz unmittelbar am Wasserstand des Bodensees. Wie in vielen Teilen Europas gab es 2018 auch in unserer Region eine starke Trockenheit und der See hatte extrem wenig Wasser. Das hat viele Leute nochmal wach werden lassen. Am Bodensee haben wir das Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried, wo im vergangenen Jahr erstmals riesige Schlickflächen durch die Trockenheit sichtbar wurden. Das haben viele Jugendliche zum ersten Mal in ihrem Leben wahrgenommen. Ich glaube, so etwas macht allen bewusst, dass sich das Klima auch bei uns verändert.

Wie hat die Stadtverwaltung auf die Klimaschutz-Forderungen reagiert?
Den Klimanotstand hat der Gemeinderat Anfang Mai beschlossen. Bei allen Vorlagen muss die Stadtverwaltung nun prüfen, ob die jeweiligen Maßnahmen klimarelevant sind. Die Stadtverwaltung muss sich also bewusst mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Generell will der Gemeinderat bei dem Thema
nun noch stärker vorangehen und diverse Maßnahmen prüfen. Wie man beispielsweise schneller eine klimaneutrale Energieversorgung von Neubauten erreichen kann oder die Mobilität in der gesamten Stadt klimafreundlicher macht. Für ein Mobilitätskonzept ist eine neue Stelle für eine Beratungskraft vorgesehen. Mobilität ist gerade für die Bürger von Konstanz ein großes Thema. Durch die Rolle als Oberzentrum für die Region und die Nähe zur Schweiz ist die Altstadt ein sehr beliebtes Einkaufsziel. Zu Spitzenzeiten wie an Brückentagen erstickt die Region komplett im Verkehr. Bei der Mobilität merken die Bürger ganz deutlich, dass etwas passieren muss.

Wie haben die Bürger ihr Verhalten durch den Klimanotstand verändert?
Insgesamt nehme ich wahr, dass im Alltag stärker über Klimaschutz diskutiert wird. Das merkt man beispielsweise an den Leserbriefen in den Zeitungen. Dabei geht es den Menschen immer um die Vor- und Nachteile einzelner Lösungsvorschläge. Der Tourismusverband ist zum Beispiel dagegen, von einem Notstand zu sprechen, während es Bürgern und Unternehmen so gut geht wie bei uns. Dort hat man leider noch nicht ganz verstanden, dass der Klimanotstand eine Aufforderung ist, die sich global anbahnende Klimakatastrophe als Bedrohung zu erkennen und gerade deshalb auch entsprechende Handlungsinitiativen zu starten. Die Bürger, die den Klimawandel schon seit Längerem im Blick hatten, sind durch den Beschluss jetzt noch stärker bereit, sich zu engagieren. Viele Einwohner sprechen dank Fridays for Future stärker über Klimaschutz und ich hoffe, dass das so bleibt. Dabei hilft vielleicht auch der Gemeinderatsbeschluss zum Klimanotstand, denn die Stadtverwaltung muss nun halbjährlich Bericht erstatten, was sie für das Klima tut.

Als Energieberater helfen Sie Menschen vor allem dabei, Gebäude besser gegen Wärmeverluste oder sommerliche Überhitzung zu dämmen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. Was ist Ihrer Erfahrung nach die wirksamste Strategie?
Ganz wesentlich finde ich, dass wir nicht nur einfach mehr Gebäude entsprechend gesetzlicher Mindestanforderungen sanieren, sondern den Energieverbrauch deutlich stärker senken, als es die gesetzlichen Regelungen derzeit vorsehen. Das Ziel sollte sein, bei gleichem Komfort 50 Prozent weniger Energie einsetzen zu müssen. Dann können wir die restlichen 50 Prozent bequem mit erneuerbaren Energien decken. Die Orientierung bei Bau und Sanierung muss also der erprobte Stand der Technik sein. Da sind Städte wie Konstanz gefordert, ihre Bürger intensiv und anbieterneutral zu informieren. Lokale Förderprogramme können zusätzlich unterstützen, den Energiestandard und damit die energetische Qualität von bestehenden Gebäuden entsprechend weit zu verbessern. Als Energieagentur Kreis Konstanz weiten wir daher in Kooperation mit der Verbraucherzentrale unser Beratungsangebot für private Bürger weiter aus.

Wir empfehlen die anbieterunabhängige Beratung vor der Auftragsvergabe, um eine längerfristig sinnvolle Qualität zu erreichen, aber auch um Fehlinvestitionen zu vermeiden. Anbieterunabhängig bedeutet, dass ohne Verkaufsdruck und unter Berücksichtigung aller beteiligten Handwerksberufe beraten werden kann. Ratsuchende müssen hierbei teilweise einen kleinen Eigenanteil an der Fachberatung selbst tragen. Seit 2019 ist das Beratungsangebot für private Bürger im Landkreis Konstanz dank der Kooperation mit der Verbraucherzentrale, der Förderung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und der Unterstützung unserer Gesellschafter, zu nennen, insbesondere der Landkreis Konstanz, komplett kostenfrei.

Weitere Infos:
– ZDF-Bericht zum Klimanotstand in deutschen Städten
– Liste von Kommunen im Klimanotstand bei Wikipedia
Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder
2000-Watt-Gesellschaft
Verbraucherzentrale Energieberatung